
Wenn dem Kind das Lesen schwerfällt: Wie wir die Leselust trotz LRS retten können
Kann wirklich jedes Kind Freude am Lesen entwickeln? Wenn ich ehrlich bin, zweifle ich manchmal daran. Für viele Kinder sind Buchstaben, Wörter und Sätze eine riesige Hürde – aus den unterschiedlichsten Gründen. Meine Tochter zum Beispiel hat Legasthenie. In der zweiten Klasse Volksschule habe ich sie auf Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) austesten lassen. Mittlerweile hat sie die dritte Klasse gut abgeschlossen und bekommt auch Unterstützung von einer LRS-Trainerin.
Dennoch: Das Lesen bleibt für sie harte Arbeit.
Natürlich sollte sie viel üben. Mir ist klar, wie wichtig Lesekompetenz für den weiteren Bildungserfolg ist. Spätestens dann, wenn es in der Schule nicht mehr ums „Lesen lernen“, sondern ums „Lesen, um zu lernen“ geht. Aber für meine Tochter ist dieser Prozess oft anstrengend, frustrierend und mit viel Ablehnung verbunden. Sie erfährt beim Lesen seltener Erfolgserlebnisse als Gleichaltrige. Das nagt am Selbstwertgefühl und hinterlässt Spuren.
Das Dilemma: Sprachkompetenz ist nicht gleich Lesekompetenz
Ich habe vieles ausprobiert und biete meiner Tochter eine große Vielfalt an Lesestoff an. Dabei stoße ich jedoch immer wieder auf dasselbe Problem: Ihr Leseniveau hinkt ihrer sprachlichen Entwicklung nach. Klassische Leselernbücher kann ich ihr nicht mehr anbieten, die verweigert sie komplett. Auch offensichtliches pädagogisches Übungsmaterial lehnt sie ab. Und ich verstehe sie vollkommen:
- Stigmatisierung:
Niemand möchte in der 3. oder 4. Klasse ein Buch aufschlagen, das aussieht wie für Schulanfänger*innen. - Unterforderung des Kopfes:
Diese Bücher spiegeln weder ihre Sprachentwicklung noch ihren Wortschatz oder ihre Interessen wider.
Und genau hier stecken wir in einer frustrierenden Zwickmühle: Von klassischen Leselernbüchern ist sie inhaltlich gelangweilt und unterfordert. Schnappt sie sich aber ein Buch, das ihrer Sprachkompetenz und ihren eigentlichen Interessen entsprechen würde, ist sie mit dem Text komplett überfordert. Sie kann solche Bücher noch nicht selbst lesen.
Meine Tochter braucht Geschichten, die sie intellektuell fordern, aber visuell und strukturell so aufbereitet sind, dass ihre Lesekompetenz mithalten kann. Doch was bietet der Büchermarkt für diese Zielgruppe?
Ich teile hier meine Erfahrungen und Entdeckungen mit euch.

Spezialisierte Bücher, die den Spagat schaffen
Wenn ein Kind sprachlich weit entwickelt ist, sich aber durch eine Leseschwäche mit dem Entschlüsseln der Buchstaben quält, ist „Einfache Sprache“ eher der falsche Weg. Sie ist schlicht langweilig, und wird von den Kindern abgelehnt. Was wir brauchen, sind Verlage, die den Fokus auf ein LRS-freundliches Layout legen, statt den Inhalt zu stark zu vereinfachen. Die Lesbarkeit wird erleichtert, nicht die Geschichte. Das Angebot ist rar, aber es existiert.
Die Reihe „Super Lesbar“ (Gulliver bei Beltz & Gelberg)
Die Reihe „Super Lesbar“ trennt ganz bewusst zwischen dem Lebensalter und dem Leseniveau der Kinder. Der Ansatz des Verlags: Jedes Kind soll genau die Bücher lesen können, für die es sich brennend interessiert – völlig egal, wie gut es liest. Die Geschichten greifen die Lebenswelt von 9- bis 13-Jährigen auf, sind aber auf einem zugänglicheren Leseniveau verfasst.
- Das Konzept:
Altersgerechte Abenteuer, die schnelle Erfolgserlebnisse beim Umblättern garantieren. - Die Altersstufen:
Es gibt Abstufungen, wie z. B. Lebensalter 9 Jahre / Leseniveau 7 Jahre oder Lebensalter 13 Jahre / Leseniveau 9 Jahre. - Die Besonderheiten im Layout:
- Serifenlose, leicht unterscheidbare Buchstaben und eine lesefreundliche Schriftgröße.
- Extra dickes, mattes Papier, das nicht durchscheint
- Knackige Sätze, kurze Lese-Etappen und eine überschaubare Textmenge pro Seite, die Verschnaufpausen ermöglicht.
- Viele unterstützende Illustrationen.
- Mehr Infos:
beltz.de/lesefoerderung/super-lesbar/

„Die drei ??? Kids – EditionLesenPlus“ (ProLog Verlag)
Die Abenteuer der drei Detektive aus Rocky Beach begeistern Kinder seit Generationen. Dank der Kooperation mit dem ProLog Verlag und den Logopädinnen Christine Michel und Veronika Pfitzenreiter gibt es die Bände 1–6 in einer genialen, modifizierten Fassung.
Der größte Pluspunkt:
Die Bücher sehen den Originalen zum Verwechseln ähnlich! Das beugt jeglicher Stigmatisierung vor. Die Kinder können über dasselbe Buch sprechen wie ihre Freund*innen, ohne dass jemand merkt, dass sie eine Förderausgabe in den Händen halten.
- Das Prinzip:
Die spannende Handlung der Originale bleibt komplett erhalten. Der Text wird lediglich durch einen vereinfachten Satzbau und den gezielten Einsatz hochfrequenter - also im Alltag geläufiger - Wörter leichter lesbar. So wird aus „haufenweise“ beispielsweise „viele“, aus “Fotoapparat” wird “Kamera” etc. - Die Besonderheiten im Layout:
- Lesefreundliche Schrift, mit deutlich unterscheidbaren Buchstaben, serifenlos, also nicht verschnörkelt etc.
- Es wird komplett auf Trennungen bei Zeilenumbrüchen verzichtet.
- Große Zeilenabstände und mehr Absätze für Verschnaufpausen und Erfolgserlebnisse.
- Phonetischer Kniff, d.h. zusammengesetzte Laute (sch, ch, ck) oder Dopplungen (mm, pp) sind im Druck minimal enger zusammengezogen, damit das Auge sie sofort als eine einzige lautliche Einheit wahrnimmt.
- Mehr Infos:
prolog-shop.de

Alternative Brückenbauer: Graphic Novels, Comics & E-Reader
Weil der klassische Buchmarkt hier leider noch eine große Lücke hinterlässt - oft aus ökonomischen Gründen, da LRS-Satzanpassungen für Verlage aufwendig sind - müssen wir kreativ werden. Zum Glück gibt es Trends und Tools, die sich als echte Gamechanger entpuppen.
Das Phänomen „Graphic Novel“
Grafische Romane, nicht zu verwechseln mit klassischen, oft wilden Comics, sind die perfekte Brücke für ältere Kids und Jugendliche ab 12 Jahren.
- Warum es funktioniert:
Sie behandeln hochkomplexe, tiefgründige Themen wie Identität, Geschichte, Mental Health oder anspruchsvolle Fantasy auf literarisch höchstem Niveau. - Der LRS-Vorteil:
Durch die Sprechblasen ist der Text automatisch in kleine, leicht verdauliche Portionen aufgeteilt. Das Auge wird nicht von „Textwüsten“ erschlagen, während der Kopf intellektuell voll gefordert wird. - Verlagstipps:
Der Reprodukt Verlag oder Carlsen bieten hier fantastische Werke.
Reprodukt Verlag
Carlsen
Comics – Mit genauem Blick auswählen
Comics bieten durch kurze Leseeinheiten und bildliche Unterstützung tolle Verständnishilfen, aber Vorsicht bei der Wahl. Viele Comics sind visuell überladen. Unterschiedliche Schriftarten, schrille Farben oder Text auf unruhigem Hintergrund sind für Kinder mit Legasthenie eine enorme Barriere.
Hier gilt: Vorher unbedingt gemeinsam reinblättern! Während „Gregs Tagebuch“ durch das ruhigere Schriftbild manchmal gut klappt, lehnt meine Tochter Reihen wie „Lottaleben“ wegen der vielen verschnörkelten und wechselnden Schriften komplett ab. Aber hier sollte jedes Kind selbst entscheiden, inwieweit es passt.
- Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht:
Die Comic-Reihe „Abenteuer vom Rosenhof“ (ViktoriaSarina / Community Editions) funktioniert bei uns super. Die Schrift bleibt immer gleich groß, gut lesbar und steht auf weißem Hintergrund. Für Teenager sind auch die „Mira“-Graphic Novels (Klett Kinderbuch) toll gestaltet.
Abenteuer vom Rosenhof - Büchereien Wien
klett-kinderbuch.de

Der „E-Reader-Hack“ für Jugendliche
Für ältere Kids ab etwa 12 Jahren ist ein E-Reader wie Tolino, Kindle & Co. oft eine gute Möglichkeit.
- Der Trick:
Ihr könnt jedes beliebige, komplexe Jugendbuch für euch anpassen - sei es der dickste Fantasy-Wälzer oder ein aktueller Thriller. - Die Anpassung:
In den Einstellungen fast aller modernen E-Reader lässt sich die Schriftart „OpenDyslexic“ kostenlos aktivieren. Diese Schrift ist im unteren Bereich der Buchstaben visuell schwerer gewichtet. Das verhindert, dass die Buchstaben vor dem LRS-Auge auf der Seite „tanzen“. Zudem lassen sich Schriftgröße und Zeilenabstand individuell groß einstellen. Das entlastet die Augen, während der Inhalt anspruchsvoll bleibt.
Warum Vorlesen und Hörbücher einfach dazugehören
Neben den Büchern, die meine Tochter selbst liest, gehört eine Sache bei uns im Alltag ganz selbstverständlich dazu: Vorlesen und Hörbücher. Dahinter steckt ein Gedanke, der mir wichtig ist. Wir dürfen unseren Kindern all diese großartigen, spannenden Geschichten und die sprachliche Qualität nicht vorenthalten, nur weil das Selberlesen für sie im Moment einfach noch eine viel zu große Hürde ist.
- Der Wortschatz-Effekt:
Wenn ich meiner Tochter Bücher vorlese, die genau ihrer sprachlichen Entwicklung und ihren Interessen entsprechen, füttere ich ihr Gehirn mit neuen Wörtern, komplexen Satzstrukturen und tiefgründigen Themen. Sie lernt, der Handlung zu folgen und Bilder im Kopf zu entwickeln, ganz ohne den Frust, sich durch jeden Satz quälen zu müssen. - Hörbücher als autonomer Rückzugsort:
Hörbücher sind bei uns ein fester Bestandteil des Alltags. Sie bieten meiner Tochter die Möglichkeit, völlig selbstständig in Geschichten einzutauchen. Sie kann einfach entspannen, während ihr Kopf intellektuell voll auf seine Kosten kommt.
XtraTipp:
Das gemeinsame Hören oder Vorlesen nimmt den Druck raus. Es zeigt dem Kind: Geschichten sind etwas Wundervolles, nicht nur harte Arbeit. Und das Beste: Der so aufgebaute Wortschatz ist wie ein unsichtbarer Werkzeugkasten. Wenn das Kind diese Wörter, Redensarten und Satzstellungen im Kopf abgespeichert hat, tut es sich beim Selberlesen viel leichter, weil es sie sofort wiedererkennt. Und auch beim Schreiben von eigenen Aufsätzen und Geschichten hilft dieser Schatz enorm, weil die passenden Formulierungen dann schon ganz natürlich da sind.

Mein persönliches Fazit als Mama
Es ist wirklich manchmal traurig und anstrengend, dass man als Eltern so intensiv suchen und oft auf technische Hilfsmittel oder Spezialeditionen ausweichen muss, weil der Markt den Bedarf nicht abdeckt. Wir würden uns so sehr wünschen, dass beliebte Reihen wie „Die Schule der magischen Tiere“ oder „Woodwalkers“ standardmäßig auch im LRS-optimierten Versionen erscheinen.
Die Schule der magischen Tiere
Woodwalkers
Aber ich merke vor allem in den Ferien, wenn der schulische Leistungsdruck abfällt: Meine Tochter liest eigentlich gerne. Wenn sie sich das Buch selbst aussuchen darf und das Tempo bestimmt, sitzt sie plötzlich vertieft auf der Couch. Diese kleinen Lesegenussmomente sind wunderschön.
Sie ist eigentlich schon eine kleine Leseratte und liest eben einfach in ihrem ganz eigenen Tempo. Wenn wir unseren Kindern die richtige Lektüre an die Hand geben, die ihnen schnelle Erfolgserlebnisse schenkt, stärken wir ihr Selbstvertrauen. Und genau darauf kommt es an.
Text: Krisi
Wie ist das so bei euch?
Habt ihr bereits Erfahrungen mit den vorgestellten Tipps gemacht oder habt ihr noch weitere Anregungen? Was funktioniert bei euren Kids mit LRS gut oder kennt ihr weitere Bücher, die LRS-freundlich gestaltet sind? Schreibt uns gern ein Mail an presse@wienxtra.at und teilt eure Erfahrungen mit uns.
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