Der Druck rund um die Schulwahl
Wenn im Herbst die 4. Klasse startet, zieht in vielen Familien unbemerkt ein unsichtbarer Gast ein: der Druck rund um die Schulwahl. Welcher Weg ist der richtige? Verbaue ich meinem Kind die Zukunft, wenn es nicht ins Gymnasium geht – oder mute ich ihm dort vielleicht zu viel zu? An welcher Schule kann mein Kind seine Potenziale entfalten?
Die beruhigende Nachricht vorweg: Das österreichische Bildungssystem ist durchlässig. Keine Entscheidung mit 9 oder 10 Jahren ist eine Einbahnstraße. Um den Druck aus dieser intensiven Phase zu nehmen, haben wir mit Mag. Jürgen Bell gesprochen. Er ist Psychologe und leitet die Abteilung Schulpsychologie und schulärztlicher Dienst der Bildungsdirektion Wien. Im Interview verrät er, worauf es bei der Schulwahl ankommt.
Ein Wechsel bleibt immer möglich
WIENXTRA: „Viele Eltern stehen unter großem Druck, weil sie glauben, mit 9 oder 10 Jahren die Weichen für das gesamte spätere Leben zu stellen. Ist diese Sorge berechtigt?“
Mag. Jürgen Bell: „Diese Sorge ist verständlich, da eine Entscheidung über den Bildungsweg mit 9 oder 10 Jahren den weiteren Schulverlauf durchaus beeinflussen kann. Die Entscheidung nach der Volksschule beeinflusst zwar den nächsten Schritt im Schulverlauf, sie legt aber keineswegs das gesamte spätere Leben fest. Frühe Entscheidungen sind nicht endgültig und Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell. Interessen, Lernverhalten, Motivation und Fähigkeiten können sich gerade in diesem Alter noch deutlich verändern.
Kein Weg im österreichischen Bildungssystem ist eine Sackgasse. Es gibt auch zu einem späteren Zeitpunkt Möglichkeiten, den Bildungsweg anzupassen, die Schulform zu wechseln, Abschlüsse nachzuholen oder andere Bildungswege einzuschlagen. Das System bietet hier entsprechende Flexibilität, wenn sich die Bedürfnisse des Kindes verändern.“
Nach welchen Kriterien sollten wir die Schule auswählen?
WIENXTRA: „In der 4. Klasse Volksschule steht die Entscheidung zwischen Mittelschule und AHS-Unterstufe an. Welche Kriterien helfen Eltern dabei, eine Wahl für ihr Kind zu treffen?“
Mag. Jürgen Bell: „Hierbei ist ein ausgewogenes Zusammenarbeiten von Kind, Eltern und Lehrkräften zentral. Erziehungsberechtigte sollten dabei verschiedene Ebenen betrachten:
Leistung und Motivation: Neben den Noten, dem aktuellen Leistungsstand und der AHS-Reife ist die Einschätzung der*s Klassenlehrer*in wichtig. Maßgeblich ist, welcher Schultyp am besten zu den individuellen Fähigkeiten sowie der Lern- und Leistungsmotivation des Kindes passt.
Persönliche Wünsche: Was möchte das Kind selbst und wie schätzen Sie als Eltern die Situation ein? Was erwarten Sie sich von der Schule und welche Vorstellungen haben Sie für den langfristigen Bildungsweg Ihres Kindes?
Rahmenbedingungen: Praktische Faktoren wie der Schulweg, die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, eine notwendige Nachmittagsbetreuung, spezielle Schwerpunkte wie Musik, Sport oder Sprachen sowie die Frage, ob bereits Geschwister oder Freund*innen die Schule besuchen, sollten mitbedacht werden.“
Typische Hürden beim Schulwechsel – und wie Familien sie meistern
WIENXTRA: „Mit welchen Umstellungen und Herausforderungen müssen Kinder nach dem Wechsel konkret rechnen?“
Mag. Jürgen Bell: „Eltern sollten berücksichtigen, dass dieser Wechsel einige Umstellungen mit sich bringt – etwa neue Klassenkolleginnen und Klassenkollegen, neue Lehrkräfte und andere Unterrichtsgegenstände. Zudem müssen eventuell ein deutlich längerer Schulweg, längere Lern- und Vorbereitungseinheiten daheim sowie ein zunehmend selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeitsverhalten bewältigt werden.
Haben Sie gerade in der Anfangsphase besonders viel Verständnis, zeigen Sie echtes Interesse am neuen Schulalltag und unterstützen Sie Ihr Kind mit Struktur – etwa bei To-Do-Listen, Wochenplänen und dem Zeitmanagement. Bei länger andauernden Leistungs- oder Verhaltensproblemen empfiehlt es sich, frühzeitig das Gespräch mit den jeweiligen Lehrpersonen zu suchen.“
Der wichtigste Ratschlag zum Schluss
WIENXTRA: „Wenn Sie Eltern der 4. Klasse einen einzigen Leitsatz für die kommenden Monate der Entscheidungsfindung mitgeben könnten, welcher wäre das?
Mag. Jürgen Bell: „Es ist völlig normal, dass diese Phase für viele Familien emotional intensiv ist. Der Schlüssel liegt oft darin, sich vom Druck des Umfelds freizumachen und den Blick ganz auf das eigene Kind zu richten: Was tut ihm im Alltag gut, wo fühlt es sich wohl? Blicken Sie gemeinsam auf die Stärken und Interessen Ihres Kindes, nutzen Sie das Gespräch mit den Lehrkräften und vertrauen Sie darauf, dass es nicht den einen „perfekten“, sondern viele gute Wege für eine erfolgreiche Schullaufbahn gibt. Es gibt nicht die eine „richtige“ Entscheidung für das ganze Leben. Jede Wahl ist ein guter erster Schritt, der bei Bedarf auch später angepasst werden kann.“
Interviewpartner Mag. Jürgen Bell
Wir haben mit Mag. Jürgen Bell gesprochen. Er ist Psychologe und leitet die Abteilung Schulpsychologie und schulärztlicher Dienst bei der Wiener Bildungsdirektion.









































