Trauern Jugendliche anders? Wie Eltern trauernde Teenager unterstützen
Bunte Partys, laute Musik und die Vorfreude auf das nächste Treffen mit Freund*innen: Im Alltag von Teenager*innen dreht sich meistens alles um das pralle Leben. Doch was, wenn der Tod plötzlich einbricht und harte Realität wird? Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist oder im engen Kreis ein schwerer Abschied bevorsteht?
Für Jugendliche ist diese Zeit ein enormer Spagat zwischen Mitmachen-Wollen im Alltag und tiefem Schmerz. Jugendliche trauern anders als Erwachsene, mal mitten im bunten Leben, mal ganz für sich im Stillen. Viele Eltern fragen sich dann: Wie kann ich mein Kind jetzt gut unterstützen?
In diesem Interview sprechen wir mit Doris Rosenmayr, Bereichsleiterin Trauer bei RAINBOWS-Wien, darüber, wie wir Teenager*innen durch die Trauer begleiten und ihr Raum geben, ohne ihnen die Lebensfreude zu nehmen.
Mein Kind geht feiern trotz Verlust – wie soll ich reagieren?
WIENXTRA: „Der Verlust liegt erst wenige Tage oder Wochen zurück, doch unser Teenager will unbedingt auf eine Party und tut so, als wäre nichts gewesen. Ist das bedenkliche Verdrängung oder ein wichtiger Schutzmechanismus?“
Doris Rosenmayr: “Für Eltern kann es sehr schwer zu verstehen sein, wenn die eigenen Kinder ganz anders trauern als sie selbst. Trauer ist jedoch grundsätzlich individuell und kann unterschiedlichste Formen annehmen. Dass Jugendliche Räume der Ablenkung und „Normalität“ suchen, ist zunächst einmal gesund und kann ein wichtiger Bestandteil der Bewältigung sein.
Dennoch ist es hilfreich, immer wieder Angebote zu machen, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Bei Rainbows verwenden wir gern das Ruderboot als Metapher – um vorwärts zu kommen muss ich beide Paddel bewegen, in dem Fall wäre das ein Wechsel zwischen Ablenkung und sich der Trauer stellen, auch wenn das schmerzhaft ist. Erwachsene können hier Vorbilder sein und einen offenen Umgang mit dem Verlust vorleben.”
Abschied nehmen lernen: Warum Jugendliche die Wahrheit brauchen
WIENXTRA: „Wenn ein nahestehender Mensch schwer krank ist und bald sterben wird: Wie viel Wahrheit verkraften 10- bis 15-Jährige? Sollen wir die Realität offen ansprechen oder das Kind so lange wie möglich schützen?“
Doris Rosenmayr: "Der Schutzgedanke begegnet uns in unserer Arbeit mit Familien in Krisensituationen sehr häufig. So verständlich es ist, seine Kinder vor den Widrigkeiten des Lebens schützen zu wollen, so wenig hilfreich ist es, Ihnen die Wahrheit vorzuenthalten. Wenn Informationen und Erklärungen fehlen, versuchen sie diese Lücke irgendwie zu füllen und sind dabei auf sich allein gestellt.
Kinder und Jugendliche haben sehr feine Antennen und spüren, wenn etwas nicht stimmig ist, das Umfeld etwas zurückhält. Als Eltern nimmt man sich dadurch ein Stück weit auch die Chance, die Kinder zu unterstützen, zu begleiten und für ihre Fragen da zu sein. Letztlich geht es auch um Vertrauen in die engsten Bezugspersonen, das in solchen Situationen gestärkt, aber auch geschwächt werden kann, wenn Kinder von Informationen ausgeschlossen werden.
Ein weiterer Aspekt ist in diesem Fall auch die Möglichkeit, sich gut zu verabschieden. Die Zeit, die mit dem nahestehenden Menschen bleibt, lässt sich noch sehr gut für das Schaffen von Erinnerungen nutzen. Außerdem bewirkt das Miteinbeziehen von Kindern und Jugendlichen in kleine Taten, die dem schwer erkrankten Menschen guttun, dass das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, das uns in solchen Momenten oft erfasst, etwas kleiner wird."
Aktiv ansprechen oder abwarten? Was hilft trauernden Jugendlichen wirklich?
WIENXTRA: „Viele Jugendliche ziehen sich komplett zurück oder sprechen lieber mit Gleichaltrigen als mit den Eltern. Was hilft mehr: Die Trauer aktiv anzusprechen oder abzuwarten bis das Kind von alleine kommt? Und wie viel Rückzug ist noch gesund?“
Doris Rosenmayr: “Jugendliche haben ja die Aufgabe, sich von den Eltern zu lösen, daher ist es nur verständlich, wenn sie sich auch in einer Trauersituation zunächst lieber an Gleichaltrige wenden. Wir sehen allerdings schon auch, dass es gut ist, wenn Teenager erwachsene Bezugspersonen um sich haben, die immer wieder aktiv das Signal aussenden – „ich bin da, wenn du reden willst“.
Wenn man nur noch Rückzug und Vermeidung beobachtet, ist ein aktives Ansprechen und eventuell auch das Angebot, sich mit einer erwachsenen Vertrauensperson außerhalb der Familie auszutauschen, hilfreich.”
WIENXTRA: „An Tagen wie Halloween oder Allerheiligen sitzt der Schmerz oft besonders tief. Was ist in solchen Momenten – und im Umgang mit unserer eigenen Trauer – das Wertvollste, das wir für unser Kind tun können?“
Doris Rosenmayr: “Das Wertvollste würde ich sagen ist: da sein. Echt und authentisch. Den eigenen Schmerz nicht verstecken, sondern auch ein Stück teilen, Verständnis für die Individualität der Trauer haben und neben all dem Schwierigen vielleicht auch Platz für Leichtes schaffen. Das bedeutet auch, gemeinsam zu schauen, wer oder was in solch einer schwierigen Situation eine Stütze sein kann.”
Text: Das Interview führte Kristina Grgic, WIENXTRA-Kommunikation
Nicht allein mit der Trauer: Beratungsstellen in Wien
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Interviewpartnerin
Wir haben mit Mag. Doris Rosenmayr MA, Dipl. Pädagogin gesprochen. Sie ist Trauerbegleiterin und Trauer-Bereichsleitung bei RAINBOWS-WIEN.
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Dieses Interview ist auch in unserem Newsletter „Next Level“ erschienen – dem WIENXTRA-Service für Eltern von Pre-Teens & Teens (10–15 Jahre).
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