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Buchcover: Unter dem Titel des Buches hält eine Person ein Smartphone in der Hand.

Die alternative Held:innenreise

Digital Storytelling von Unten

Eşim Karakuyu, Christopher Glanzl, Fabian Reicher, Die alternative Held:innenreise. Digital Storytelling von Unten.

Bücher zur Jugendarbeit haben nicht selten einen Tunnelblick. Dieses Buch aber ordnet die Methoden und Werkzeuge, die es im zweiten Teil präsentiert, in das große Ganze ein: gesellschaftspolitisch und medienpolitisch. Ohne hinderlichen Anmerkungsapparat und in einer verständlichen Sprache wird dieses komplexe Feld bearbeitet, um das Konzept der alternativen Held:innenreise darin zu verorten. Diese kritisch analytische Einführung in den digitalen Raum der Sozialen Medien, in denen sich heute für Jugendliche Held*innenreisen niederschwellig präsentieren und in denen sie ihrer eigene alternativ präsentieren könnten, ist auch ohne den praktischen zweiten Teil sehr zu empfehlen. 

In diesem werden sehr anschaulich Projekte vorgestellt, die dem Konzept der alternativen Held:innenreise folgen und es gibt ganz praktische Anleitungen, wie man dieses Konzept aufgreifen und anwenden kann, um alternative Geschichten über die Sozialen Medien zu erzählen: Geschichten, die Mut machen, die aus den Perspektiven der Jugendlichen, der Marginalisierten, von Unten bzw. von den Rändern her erzählt werden, Geschichten, die Jugendliche und ihr Erleben und ihre Perspektiven sichtbar machen.

Man muss sich das als eine Operation Mitten in Feindesland vorstellen, in einem immer schon besetzten und verminten Land, indem aggressive und paranoide Erzählungen dominieren, die autoritäre Machtstrukturen weiterschreiben, die eh schon die Welt beherrschen und strukturieren. Das Vorhaben der alternativen Held*innenreisen hat etwas von Verwegenheit, von Sand im Getriebe, ja von Robin Hood oder einem Partisanenkampf.

Wer irgendwann einmal vom Konzept der Held*innenreise gehört hat, wird sich an das Staunen erinnern: Plötzlich hat alles eine Klarheit, wie Schuppen fällt es von den Augen: Das funktioniert also alles nach ein und demselben Schema. Vom Comic bis Goethes Faust. Von Arthouse bis Hollywood. Ganze Kulturen gruppieren sich um solche Erzählungen. Das Erleben, aber auch die Herstellung von Kunst hat diese Struktur. Initiationsrituale ebenso. Man wird in ihr erwachsen. Sie beschreibt, wie wir uns neues Wissen aneignen, den Verlauf eines Workshops oder einer Therapie. Das, was wir Reflexion nennen. Aber auch, wie wir uns selbst oder anderen unser Leben erzählen und darin unsere Identität finden. Oder eben: Jugendarbeit. 

Eine Person verlässt die gewohnte Welt. Ein Ereignis oder eine spezielle Konstellation zwingt sie dazu, die Komfortzone zu verlassen. Gewiss, es gibt Zweifel und Widerstände. Doch dann bricht sie auf. Nicht selten unterstützt durch Mentor*innen. Sie schreitet also über die Schwelle in eine noch unbekannte Welt. Das Abenteuer beginnt. Die Person lässt sich auf das Andere ein. Wechselt die Perspektive. Es gibt Prüfungen. Die Person findet Verbündete. Helfer*innen. Sie kooperiert und findet dabei ihren eigenen Weg. Eines Tages kehrt sie dann als jemand anderes zurück: verwandelt. Sie bereichert durch das neu Erfahrene jene gewohnte alte Welt, aus der sie aufgebrochen war. Auch diese Welt hat nun die Chance, sich zu verändern.

Man muss sich das so detailliert vor Augen halten, weil Spektakel, Propaganda, Operette, Ideologie oder Verschwörungstheorie auch auf das Schema der Held*innenreise zurückgreifen, es jedoch im Detail verfälschen: Aus dem Anderen wird der Gegner. Aus der Fremde Feindesland. Aus der Schwelle eine Grenze. Aus der Chance, sich zu verändern, wird die aggressive Bewahrung der gewohnten Welt. Held*innen sind plötzlich bedrohliche Feinde, die man ausschließen, die fremde Offenheit Feindesland, gegen das man sich abschließen muss. Das Bestehende soll dagegen aggressiv verteidigt oder wiederhergestellt werden.

Und so ist Herr der Ringe mittlerweile eine Erzählung, die die autoritäre Rechte benutzt: Ein biederes Völkchen soll bewahrt werden. Und es gibt da draußen einen klaren Feind und die ewige Wiederkehr des Gemetzels. Der Mentor ist nun nicht mehr ein*e Jugendarbeiter*in, sondern ein*e AfD-Funktionär*in mit Freibier, um ein Beispiel aus Deutschland zu nehmen: Einer jugendlichen Person, die sich auf dieser Reise befindet, ist der Unterschied nicht immer bewusst: Die Rechten, die ins Bautzener Land fahren, um dort selbstverwaltete Jugendtreffs zu überfallen, alles und jeden kurz und klein schlagen, was sie als queer, migrantisch oder links lesen, sind überzeugt davon, eine nicht beachtete Minderheit zu sein, die gegen den Mainstream und das Establishment kämpft, das sie niederhält und beherrscht. 

Es sind Verschiebungen im Detail, Auslassungen, Verkürzungen und Dualismen, die aus einer Held*innenreise eine aggressive Erzählung sozialer Paranoia machen.

Können wir uns noch an die ursprünglichen Versprechen der Sozialen Medien erinnern? Da war von Demokratisierung die Rede, von Niederschwelligkeit, von einer Bewegung von Unten und von den Rändern, von einer Vielheit und Diversität der Stimmen und Themen. Das Internet als Ort der Freiheit, der Offenheit und der Kooperation. Kurz: Von alldem, an das heute, angesichts von Hass und Radikalisierung im Netz, all diesen Blasen, Fake News und Verschwörungserzählungen, ja den Algorithmen selbst, die wohl heute niemand mehr als neutral einschätzen würde, keine*r mehr glauben mag. Bis zum Konzept der alternativen Held:innenreise. Also nehmen wir unsere Perspektiven und Geschichten selbst in die Hand und teilen sie! Dieses Buch hilft uns dabei. TPE