
Märchen heute – Eine überraschende Beobachtung
Letzten Herbst schaute ich mal wieder die deutsche Sat1-Kochshow „The Taste“. Wer sie nicht kennt: In dieser Show müssen Kandidat*innen zu einem bestimmten Thema ein Gericht auf einen Löffel bringen. Das Thema war Märchen und die Teilnehmer*innen stiegen begeistert ein:
Man liebe „Die Eiskönigin“ und „Arielle“ oder „Bambi“. Ich war verblüfft, denn das waren alles Disney-Filme, die sich entfernt von berühmten Märchen inspirieren ließen. Ist unser heutiges Wissen über Märchen-Filme ausschließlich mit Disney gleichzusetzen?
Zeit, um einen historisch-aktuellen Überblick über Märchenfilme zu geben.

Nur ganz kurz: Was ist typisch für ein Märchen?
Da fällt mir folgendes dazu ein:
- Erzählweise und formelhafte Sprache: „Es war einmal“ oder „Und wenn sie nicht gestorben sind...“.
- Typische Figuren: Prinz*essin, Held*in, böse Figur (Hexe, Zauberer), König*in etc.
- Magische Wesen & Magie: Helfer und Gegner wie Feen, Zwerge, Zauberer oder sprechende Tiere.
- Symbolische Zahlen
- Unbestimmte Orte und Zeiten
- Gut gegen Böse
Wichtig ist auch die Unterscheidung, ob es sich um ein Volksmärchen oder ein Kunstmärchen handelt. Volksmärchen zirkulierten durch Jahrhunderte über mündliche Erzählungen bis sie z.B. von den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm in ihren „Kinder- und Hausmärchen“ aufgeschrieben wurden.
Bekannte Kunstmärchen stammen zum Beispiel von Hans Christian Andersen, der Märchen als Schriftsteller selbst erfunden hat.
Wer denkt, dass Märchen etwas von annodazumal sind, auch Autor*innen des 20. und 21. Jahrhunderts haben Märchen geschrieben. Astrid Lindgren ging in die Geschichte ein, in dem sie mit dem Satire-Märchen „Pomperipossa in Monismanien“ auf die schwedische Steuerpolitik einwirkte.
Aber zurück zum Film.

Stumme Märchenfilme
Die ersten Märchenfilme waren zunächst gar nicht für ein Kinder-Publikum gedacht, wurden aber gern von diesem geschaut. Kinopionier George Méliès verwandelte Cinderella und einen Kürbis in ihre Kutsche in „Cendrillon“ bereits 1899.
Frühe deutsche Märchenfilme waren „Rübezahls Hochzeit“ (1916) und „Dornröschen“ (1917). „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926) nach Motiven von 1001 Nacht von der legendären Scherenschnitt-Filmemacherin Lotte Reiniger werden heute noch im Kino gezeigt.

Filmische Perlen aus der DDR und ČSSR
In diesen Ländern erfuhr der Märchenfilm ab der Mitte des 20. Jahrhunderts eine besondere Blüte. Dies hatte verschiedene Gründe: Märchen und phantastische Stoffe hatten weniger politische Brisanz. In der DDR galt das Märchen als wichtiges kulturelles Erbe und in der ČSSR, „dem Hollywood des Kinderfilms“ hatte die junge Zielgruppe einen besonderen Stellenwert.
Der wohl berühmteste Märchenfilm, der in der Zusammenarbeit dieser Länder entstanden ist, ist der unabsichtliche Weihnachtsfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, der Aschenputtel als starke Heldin zeigt.
Andere besondere Filme sind „Wie man Dornröschen wachküsst“ oder „Die Prinzessin mit dem Goldenen Stern“ und den Film „Die Geschichte des kleinen Muck“ haben manche von uns vielleicht auch als Kinder gesehen.

Treue Pflege des alten Erbes – Das deutsche Fernsehen
In Deutschland galt lange Kinderfilm=Märchenfilm. Wie viele dieser Filme in Deutschland entstanden sind, das könnt ihr auf Wikipedia bestaunen. Heute hat sich die Märchenfilmproduktion ins Fernsehen verlagert. ARD und ZDF produzieren regelmäßig neue Filme, machen Märchentage und strahlen neue Filme an Feiertagen aus.
Bekannte Märchen wie „Aschenputtel“ und „Dornröschen“ werden immer wieder neu verfilmt, auf den Bildschirm kommen aber auch unbekannte Märchen wie „Die weiße Schlange“, „Die Hexenprinzessin“ oder „Das Märchen von der silbernen Brücke“.
Sehr gern werden für diese Filme Publikumslieblinge engagiert. Der neueste Streich: Märchen mit Checker*innen in Gastrollen: Checker Julian spielte in „Der starke Hans“ („Der Schauspiel-Check“), Checker Tobi in „Die Drei Federn“ („Der Märchen-Check“) und Checkerin Marina „Die verkaufte Prinzessin“ („Der Verwandlungs-Check).
Es ist bemerkenswert wie engagiert die Märchenfilmtradition fortgeführt wird, künstlerisch sind die Filme solide und brav gemacht mit Betonung auf brav, denn es werden herkömmliche Vorstellungen, die wir von Märchen haben sozusagen abgefilmt. Aber vielleicht wollen wir ja genau das?

Märchenfilm = Disney-Film?
Man kann es den Köch*innen von „The Taste“ nicht verübeln. Märchenadaptionen von Walt Disney prägen nicht nur unseren Blick auf Märchen, wir beziehen unser Wissen über diese Märchen auch daraus. Wie kam es dazu?
Anfang der 30er Jahre wollte der Studioboss Walt Disney einen abendfüllenden Märchen-Animationsfilm von „Schneewittchen“ machen. Man riet ihn von diesem Wahnsinn ab, denn wer würde sich einen 80-minütigen Cartoon ansehen? Walt blieb wahnsinnig und verpasste seinem Film auch opulente Filmmusik und Songs. Schneewittchen und die sieben Zwerge wurde einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten.
Es folgten Cinderella oder Dornröschen, die gespickt mit Songs und sprechenden Tieren noch näher an der Vorlage blieben als später Arielle, die Meerjungfrau (nach H.C. Andersens „Die kleine Meerjungfrau“, die tragisch endet). Die Eiskönigin hat außer der Namensähnlichkeit und einer Schnee und Eis-Zaubernden Königin eigentlich nicht viel mit „Die Schneekönigin“ (auch Andersen) zu tun.
In den letzten Jahren verwurstet Disney die alten Filme und aktualisiert sie mithilfe von viel CGI als "Realverfilmung“. Die Ergebnisse sind sehr unterschiedlich. Zum Teil wird etwas ganz Neues aus dem Stoff herausgeholt, manchmal fragt man sich auch Wieso?
PS: Bambi ist übrigens kein Märchen, sondern eine Novelle, die Felix Salten im Wiener Cottage geschrieben hat. Absouter Ausflugs-Tipp: Sein Haus in der Cottagegasse 37 sieht aus wie von „Frau Holle“, und überhaupt findet ihr dort einige Häuser, in denen Märchenfiguren wohnen könnten.

Ein frischer Blick auf ein ehrwürdiges Genre
Auch wenn nicht mehr alle von uns gerne Märchen lesen, das Märchen-Vokabular haben wir irgendwie alle drauf. Das wissen auch Filmemacher*innen originell einzusetzen: Shrek – Ein tollkühner Held spielt mit Märchenstoffen- und Figuren und macht was Neues draus.
Disney zitiert mit Verwünscht seine eigenen Märchenfilme. Und auch im deutschen Film Das Märchen von der Prinzessin, die unbedingt in einem Märchen vorkommen wollte wird das Märchen selbst-reflexiv betrachtet.
Ein anderer Märchen-Satire-Tipp ist Die Rotkäppchen-Verschwörung. Da wir so viel wissen, macht es Spaß in diesen, aber auch nicht märchenhaften Filmen kleine Hinweise - Easter-Eggs - zu finden, die sich auf Märchen beziehen.
Man kann über die Grausamkeiten und konservativen Geschlechterbilder in Märchen definitiv diskutieren, Fakt ist aber auch, dass es sich bei Märchen um ein universelles Wissen, eine Art globale Sprache handelt, die klaren Mustern folgt, wir können sie alle verstehen…. und sie natürlich gern hinterfragen oder durch den Kakao ziehen.
Gastbeitrag von Clara Huber, Mitarbeiterin WIENXTRA-Cinemagic

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