
Manche Motive hat man dutzende Male gesehen, sie werden trotzdem wieder aufgegriffen. Warum? Weil es einfacher ist, gut funktionierende Klischees zum Kinderfilm-Blockbuster zu mixen statt eine neue Idee. Wir schauen uns das mal genauer an? Und lustig ist es ja irgendwie schon.
(Halb-)Waisen
Bereits in den Klassikern der Kinderliteratur haben viele Held*innen keine Eltern: Heidi, Harry Potter oder Pippi Langstrumpf. Ihr Schicksal macht sie besonders und sie agieren freier. Dennoch entspricht die Häufigkeit von abwesenden (und verstorbenen) Müttern und/oder Vätern in Kinderfilmen der 2020er Jahre nicht der Lebensrealität der meisten Kinder.
Wieso nicht häufiger von getrennten Eltern erzählen, etwas, das mehr Zuseher*innen betrifft und Identifikation und Verständnis hervorrufen würde?

Kinder im Internat
„In echt“ nicht mehr Standard, im Kinderfilm schon. Das Internat in den (meist Südtiroler) Bergen: Hanni & Nanni (7+), Das fliegende Klassenzimmer (8+), Woodwalkers (9+), Burg Schreckenstein (8+) oder The Magic Flute (12+).
Eine filmische Reise nach Süddtirol
Platziert man einen Film dort, dann warten eine schöne Landschaft, heranwachsende Kinder (ohne Eltern!), die auf andere Kinder treffen (Freundschaft & Konflikt!) und gemeinsam Abenteuer erleben. Sehr viel mehr muss man sich dann auch nicht mehr ausdenken.

Pleiten, Pech und Pannen
Im Rezeptebuch der Kinderfilm-Konflikte ist die drohende Pleite einer liebgewonnenen Institution eine der wichtigsten aber auch verbrauchtesten Zutaten um Spannung zu erzeugen.
Nummer 1 - die Reiterhof-Pleite. Die gibt es in Bibi und Tina 2 – Voll verhext (7+) (dort sehr originell gelöst), Ostwind 2 (8+) oder Immenhof (8+). Der Rettungsplan ist dann oft das Preisgeld eines Turniers und das Prestige des Gewinns.

Nummer 2 - die Schulpleite: In Burg Schreckenstein soll das Internat an einen Kredithai verkauft werden. Ein wertvoller Schatz muss her! Die Winterstein-Schule soll in Die Schule der magischen Tiere 4 (8+) wegen geringer Anmeldungen geschlossen werden. Ob ein Gewinn bei der Schulchallenge hilft?
Superhelden-Kinder von annodazumal lösen Kriminalfälle
In Zeiten von Helikopter-Eltern und Totalüberwachung von Kindern übers Handy sind eigenständige und auch gefährliche Abenteuer nur noch auf der Leinwand möglich. Aber dort so richtig. Da sind die Kinder unabhängig wie in den 70er oder 80er Jahren.
Mithilfe besonderer Fähigkeiten wie z.B. IT-Kenntnisse, Kampfsportarten oder Genies der Naturwissenschaften werden komplexe Kriminalfälle und Machenschaften von Großkonzernen aufgedeckt. Sehr talentiert, unterhaltsam und fern der Realität machen das die Fünf Freunde (8+), Die Pfefferkörner (8+) oder Die Drei ??? (9+) in ihren Filmen.

80ties/90ties Chic
Weil Kinder- und Jugendfilmemacher*innen mit ihren Filmen oft ihre eigene Kindheit und Jugend verherrlichen, spielen nicht wenige Filme in der guten alten Zeit der 80er und 90er Jahre, wo es noch keine Handys gab und Kindheit noch Freiheit bedeutete.
Wenn die Filme in der Gegenwart spielen, dann schauen sie zumindest nach „Damals“ oder Stranger Things aus und Handys spielen fast keine Rolle. Weil wie kann eine Figur ernsthaft in Gefahr geraten, wenn sie jederzeit mit dem Handy die Eltern anrufen kann?

Bunte Kinderzimmer in schmucken Häusern
Wenn wir alle so leben würden, wie die Kinder im Kinderfilm, dann hätten wir kein Wohnproblem. Beengte Mietwohnungen und Kinder, die sich ihr Kinderzimmer teilen? Fehlanzeige.
Unsere Held*innen leben mit ihren Familien - und manchmal nur 1 Elternteil, weil sie ja oft Halbwaisen sind - in schmucken Häusern mit durchgestylten farbenfrohen Wohnzimmern, einem Garten und bewohnen dann meist auch den coolen ausgebauten Dachboden, wo sie ihre Wände fantasievoll-kreativ mit ihren Interessen und Begabungen schmücken und sich mit ihren BFF treffen, um knifflige Kriminalfälle zu lösen oder heimlich zu hexen.

Beste Freund*innen als lustiges Side-Kick
Wenn sich der Film nicht ohnehin um eine Bande dreht wie z. B. bei Fünf Freunde, Die drei ??? und !!!, Die Pfefferkörner, Der Geheimbund von Suppenstad oder Die wilden Hühner (8+), dann werden unserem Helden bzw. unserer Heldin oft coole lustige beste Freund*innen mit intakten Familien zur Seite gestellt wie z.B. Fanny in der Ostwind-Reihe oder Nike in Groupies bleiben nicht zum Frühstück (10+).

HexHex und Fantasy statt Realität
Fantasyfilme für Kinder und Erwachsene sind cool, spannend und machen Spaß! Aber mittlerweile werden Naturgesetze in fast jedem Film für die Zielgruppe ignoriert.
Bibi & Tina sind in diesem Bereich Urgestein und es bleibt nicht allein bei den Hexen und Zauberern, von denen es SEHR viele gibt wie Vier zauberhafte Schwestern (6+), Ein Mädchen namens Willow (7+) oder Hexe Lilli (7+). Jetzt sind auch die Tiere magisch wie Die Schule der magischen Tiere oder Woodwalkers (9+), wo sich die Menschen in Tiere verwandeln können.

Abseits vom Klischee
Ja, ich mag die Bibi & Tina-Filme und die Film-Reihe von Die Schule der magischen Tiere sehr, aber es gibt einen guten Grund für die deutsche Initiative „Der besondere Kinderfilm“, die Drehbücher abseits der Klischees fördert.
Zwei der Voraussetzungen für diese Förderung sind: sie „stehen für sich allein, denn sie basieren nicht auf Marken oder literarischen Vorlagen“ und „sind außerordentlich eng mit der Lebenswirklichkeit von Kindern heute verbunden“.

Zwei wunderbare Kinderfilme, die im Rahmen dieser Initiative entstanden sind, sind Winnetous Sohn (7+) und Rocca verändert die Welt (7+). Sie brauchen keine Fantasy, um fantasievoll zu sein, weil ganz ehrlich: Ist echte Kindheit nicht ohnehin voller Spannung, Konflikte, interessanter Figuren, Höhen und Tiefen? Ist Größer werden und das Leben von jedem von uns nicht filmreif genug?
Gastbeitrag: Clara, WIENXTRA-Cinemagic











































